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27.
Okt

Michael Seemann: „Der digitale Kapitalismus ist kein Kapitalismus mehr. Wir haben ein Monster, für das wir noch keinen Namen haben.“

Muss man sich Sorgen um den guten alten Kapitalismus machen? Auf was für ein System steuern wir zu – und was können wir tun, damit nicht nur Apple, Facebook und Co. als Gewinner des Systemsturzes dastehen? Kulturwissenschaftler und Netztheoretiker Michael Seemann sucht Antworten auf dem Zündfunk Netzkongress 2018.

 

Der Kapitalismus wie wir ihn kannten ist am Ende

Den Kapitalismus nach Marxscher Definition gibt es bald nicht mehr: Heutige Big Player sind kapitallos, sie verkaufen immaterielle Güter wie Software, Daten oder Design. Wo früher tausende von Arbeitern nötig waren, reichen heute einige hundert. Die Eigentumsordnung wurde außer Kraft gesetzt. Bestes Beispiel dafür war Napster, das Unternehmen trieb die Musikindustrie an den Rand des Abgrunds.

Der digitale Kapitalismus stellt Kontrolle durch Verknappung der Zugänge her

Es entsteht ein neuer Kapitalismus, der das alte Prinzip von Angebot und Nachfrage auf den Kopf stellt. Unternehmen wir Uber haben das Prinzip in Algorithmen übersetzt. Dank Big Data sind diese Unternehmen in der Lage individuelle Preise zu generieren, d.h. für User eins kostet die Reise doppelt so viel wie für User zwei. Lautete die Frage früher: Wer kann Knappheit mindern, so heißt sie heute: Wer kann Knappheit herstellen? Wer kann Zugänge kontrollieren? Das sind zurzeit vor allem Unternehmen wie Facebook, Google und Co.

Ist das nun gut oder schlecht?

Das ist für Michael Seemann noch nicht absehbar. Er sagt: „Wir haben ein Monster, für das wir noch keinen Namen haben.“ Wir sind in einem Stadium, wo der neue Kapitalismus den alten nachahmt, so wie das erste Auto noch die Form einer Kutsche hatte. Generell, so Seemann, können wir nur versuchen, die Entwicklung in die richtige Richtung „zu schubsen“. Seine Idealvorstellung wäre: Degrowth, Vergesellschaftung der Produktionsmittel und ja: die Abschaffung des Urheberrechts. So ist Seemanns letztes Buch als kostenloser Download im Netz zu erhalten.

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