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16.
Okt

Wie sich Hass im Netz verbreitet

Gerüchte gewinnen im Internet rasend schnell Aufmerksamkeit. Pegida, AfD und deren Sympathisanten nutzen das für sich. Der Kampf gegen Fake-News und Hoaxes beschäftigt viele Speaker auf dem Zündfunk Netzkongress. Von Birte Bredow

Sanitäter tragen Schutzwesten aus Angst vor Asylbewerbern. Besucher eines Markts sollen keine christlichen Symbole zeigen. Eigentümer werden gezwungen, ihre Wohnungen an Geflüchtete zu vermieten. Drei Beispiele für die unzähligen Gerüchte, die in den vergangenen Monaten durchs Internet geisterten. Karolin Schwarz und Lutz Helm haben 428 davon in einer „Hoaxmap“ gesammelt. Aufgenommen haben Sie dabei nur solche, die eindeutig widerlegt wurden.

Nicht nur ihr Panel „Aber mein Nachbar hat gesagt… Wie mit Gerüchten über Geflüchtete Stimmung gemacht wird“ – beschäftigt sich beim Zündfunk Netzkongress mit Pegida, AFD und deren Anhängern in der Gesellschaft. Die konservative Publizistin Liane Bednarz warnt in ihrem Vortrag „Der neurechte Griff nach dem Bürgertum – Netzwerke und Türöffner“ vor allem davor, dass rechte Ausdrucksweisen immer stärker von den bürgerlichen Schichten übernommen werden. Auch manche Journalisten verwendeten Wörter wie „Altparteien“ und „Überfremdung“. Eine verstärkte Abgrenzung zwischen Konservatismus und Bürgertum hält Bednarz für wichtig. Als Konservative sehe sie beispielsweise das „Gender-Mainstreaming“ kritisch, akzeptiere aber, dass es existiere.

Stimmungswandel in den Sozialen Netzen sichtbar

Simon Hurtz und Antonie Rietzschel von der Süddeutschen Zeitung haben sich beruflich intensiv mit Pegida und der Stimmung in Deutschland auseinandergesetzt. „Wie die Stimmung kippte“ –  unter diesem Titel stellten sie zwei Projekte vor. „Wie findet man heraus wie Pegida-Anhänger ticken?“ – diese Frage stellte sich Rietzschel. Gemeinsam mit Kollegen hat sie mehr als 100.000 Beiträge auf der offiziellen Facebook-Seite der Pegida untersucht. Heraus kam unter anderem, dass es Hetze tatsächlich – auch in sehr drastischer Form – gibt. Typischen Nazi-Jargon hingegen gab es nur wenig. Auch belegt Rietzschel, dass die Debatte um die Geflüchteten letztlich Pegida gerettet hat – vorher hatte die Facebook-Seite der populistischen Bewegung massiv an Interesse verloren. Simon Hurtz beschäftigte sich mit dem Stimmungswandel in der Bevölkerung. Seine Ergebnisse sind nicht wissenschaftlich, aber doch deutlich. Bis August 2015 wurden vor allem positive Berichte geteilt und kommentiert. Ab September wurden die Reaktionen negativer.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit den neuen rechten Bewegungen – on- und offline – müssen sich Journalisten, aber auch jeder Einzelne immer wieder stellen. Eine Patentlösung hat noch keiner der Speaker gefunden. Antonie Rietzschel meint, dass Medien und Leser wieder stärker in den Dialog treten sollten: „Kontakt und Auseinandersetzung fehlen – aber mit Manchen kann man nicht diskutieren“.