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15.
Okt

Das große F

Eineinhalb Tage Netzkongress, mehr als 40 Vorträge, Panels und Workshops – und unzählige Antworten auf die Frage: “What the…?”. Was also haben wir beim Zündfunk Netzkongress 2017 gelernt? Eine Annäherung in vier Schritten – natürlich mit F

WTF – was für ein beliebiges Motto. Denn das F  in WTF sollte auf diesem Zündfunk Netzkongress ja ausdrücklich für vieles stehen. Für Femism, Fake, Fun, Fan, Future, Freedom. Programmatische Kapitulation also vor den vielfältigen Phänomenen der Digitalisierung?

Schnell zeigte sich am Freitag, dass die Organisatoren diesem Netzkongress sehr wohl einen Fokus gegeben haben: Future ist sozusagen das Leit-f. Die Frage, wie das Digitale unser Leben verändern und prägen wird, hat diesen Kongress bestimmt. Und hinter dieser Leitfrage lauerte dann stets die Frage danach, wie wir diesen Digitalisierungsprozess politisch gestalten wollen. Daneben wurden aber auch einige digitale Gegenwartsphänomene verhandelt und sogar die Frage nach dem Danach – nach unserem Erbe – gestellt.

1. Future

Dirk von Gehlens Lob des Smartphones – ein Aufruf zum Kulturpragmatimus.

Den Auftakt auf der großen Bühne machte Ole Reißmann vom Onlineportal Bento. Und er zeichnete gleich ein äußerst dunkles Bild von der Zukunft. Einige wenige, supermächtige Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon werden darin die Welt beherrschen und zugrunde richten. Die Manager dieser Konzerne, meint Reißmann, werden diese dann als gute Transhumanisten hinter sich lassen und für das ewige Leben gen Mars verschwinden. Zurück bleiben wir – die Internetproletarier.

Es sind genau diese Dystopien, die Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung regelmäßig aufregen. Von Gehlen findet die Debatten über neue Technologien  zu sehr geprägt von Angst. Auf dem Netzkongress stimmte von Gehlen deshalb einen Lobgesang auf das Smartphone an, das er für das wichtigste technische Werkzeug der Gegenwart hält.

Wie jede wirklich durchschlagend erfolgreiche Erfindung werde das Smartphone nun erst mal verteufelt. Wem aber nütze es, fragt von Gehlen, wenn wir immer nur darüber redeten, wie sehr uns das Smartphone ablenke. Von Gehlen plädiert statt des Technik-Pessimismus nicht für einen naiven Optimismus, sondern für Pragmatismus. Das Smartphone werde unsere nahe Zukunft bestimmen und wir müssten lernen, damit umzugehen. Vor allem aber, meint er, sollten wir unseren Kindern helfen, ein gesundes Verhältnis zum Smartphone zu entwickeln. Die blödeste Idee ist es für ihn, wenn wir das Smartphone – wie in Bayern – aus den Klassenzimmern verbannen und unseren Kindern einreden, dass sie wegen des Smartphones verblöden.

Was nützt es mir, wenn mein Gehirninhalt auf eine Festplatte hochgeladen wird? – Godehard Brüntrup

Im Bezug auf zukünftige – im Entstehen begriffene – Technologien tun sich aber auch die technikaffinen Besucher des Netzkongresses schwer mit dem Optimismus. Den Träumen der Transhumanisten, das ewige Leben zu erreichen – durch die Verknüpfung des menschlichen Körpers mit technischen Geräten – konnten die Philosophen Godehard Brüntrup und Janina Loh nichts abgewinnen.

„Was nützt es mir,“ fragte Brüntrup, „wenn mein Gehirninhalt auf eine Festplatte hochgeladen wird? Auch wenn ich dann mit anderen Computerhirnen kommunizieren kann, ohne Bewusstsein und die Möglichkeit die Welt zu erfahren, ist das kein Leben.“ Auch die Vorstellung ewig im eigenen Körper zu leben, findet Brüntrup nicht verheißungsvoll. „Nun bin ich 60 Jahre alt und da wird das Leben irgendwann schon recht repetitiv. Da ist der Gedanke, dass das irgendwann ein Ende hat, ohne depressiv zu sein, schon recht tröstlich“, meinte er. Die wesentlich jüngere Janina Loh konnte da nur heftig mit dem Kopf nicken.

Und die Kryonik, die andere große Idee der Transhumanisten, ist für Brüntrup und Loh der ultimative Ausdruck des Egoismus. Sich wie Han Solo in Stars Wars einfrieren lassen, um sich dann in 300 Jahren wieder auftauen zu lassen? Allein aufgrund des Energieverbrauchs eine völlig absurde Vorstellung.

Der britische Wissenschaftler Paul Graham Raven zeigte eine Alternative zum Transhumanismus auf: Die Rückbesinnung auf die Infrastruktur. Während der Transhumanismus nur einigen, wenigen Superreichen aus dem Silicon Valley das ewige Leben sichern solle, könnte eine verbesserte Infrastruktur einer wachsenden Weltbevölkerung ein halbwegs komfortables Zusammenleben auf der Erde ermöglichen.

Die Künstliche Intelligenz (KI) wurde auf dem Zündfunk Netzkongress ebenfalls vor allem als Bedrohung diskutiert. Obwohl der Publizist Mads Pankow von der KI fasziniert ist, fragte er nur danach, ob eine kreative KI den Menschen Jobs wegnehmen könnte. Das Fazit: All die Kreativen auf dem Netzkongress können aufatmen; wirklich kreativ werden Computer ohne menschliche Hilfe auch in Zukunft kaum sein.

Klaudia Seibel versucht mit ihrer Arbeit, die ewige Technikangst zu überwinden. Dafür liest sie Science Fiction. Häufig, werde der Fortschritt einseitig anhand der technologischen Entwicklung gestaltet, sagte Seibel auf dem Netzkongress. In der Science Fiction stünden dagegen immer die menschlichen Bedürfnisse im Vordergrund. Die Literaturwissenschaftlerin Seibel sucht in Science Fiction Romanen nach Technologien, die sich die Menschen wirklich wünschen. Und berät damit anschließend Firmen bei der Entwicklung.

2. Politik oder, nun ja…, Freedom

Nicht die Gesetze zur Digitalisierung fehlen ihr, sondern die Debatte: Constanze Kurz vom CCC

Und wie reagiert die Politik auf all diese Zukunftsszenarien? Versucht sie die Entwicklung zu gestalten? Auf einem Panel zu Beginn des Kongresses machte Dirk von Gehlen hier ein großes Defizit aus: Die noch amtierende Bundesregierung habe sich in der vergangenen Legislaturperiode mal wieder kaum um die Digitalisierung gekümmert, kritisierte er. Um zu begründen, dass die Politik beim Thema nicht auf der Höhe der Zeit sei, reichte ihm schon ein Verweis auf den Digitalminister Dobrindt.

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club wollte das so nicht stehen lassen. Alexander Dobrindt (CSU) und die anderen zuständigen Minister hätten durchaus einige Gesetze zu digitalen Fragen auf den Weg gebracht. Fehlende Gesetze seien nicht das Problem. Das Problem ist für Kurz ganz entschieden die fehlende Debatte.

So habe Dobrindt etwa eine Regelung zu autonom fahrenden Autos ermöglicht, die alles andere als verbraucherfreundlich sei. Nur habe das keiner mitgekriegt. Überhaupt kümmert sich die Union intensiv um die Digitalisierung, meint Kurz. „Merkel spricht in jeder ihrer Reden, die sich keiner zu Ende anhört, über die Digitalisierung.“ In Kurz’ Augen betreibt die Kanzlerin aber die falsche Politik. Die Daten der Menschen seien da das neue Öl. Und überhaupt betreibe die Union eine entschieden industriefreundliche Politik.

Merkel spricht in jeder ihrer Reden, die sich keiner zu Ende anhört, über die Digitalisierung. – Constanze Kurz

Enttäuscht zeigte sich Kurz vor allem von der SPD. Sie fragte, warum es der Partei nicht gelänge ihre Wertvorstellungen ins Digitale zu übersetzen. An dieser Stelle konnten Kurz alle Diskussionsteilnehmer zustimmen. Dass Martin Schulz im Wahlkampf den Entwurf für eine europäische digitale Grundrechte-Charta nicht einmal erwähnt hat, obwohl er sie noch wenige Monate zuvor mitverfasst hat, fanden auch Dirk von Gehlen, der Grünen-Europapolitiker Jan-Philipp Albrecht und die österreichische Wissenschaftlerin Martina Mara äußerst seltsam.

Jan-Philipp Albrecht wurde auf dem Netzkongress außerdem für die Europäische Datenschutzverordnung gefeiert, die er als Berichterstatter im Europäischen Parlament auf den Weg gebracht hat. Auch Constanze Kurz wollte daran nicht mehr rummäkeln, mehr sei für Albrecht nicht drin gewesen, meinte sie.

Beim Panel zum Thema Datenschutz zeigte sich deutlich ein grundsätzliches Problem dieses Netzkongresses. Es fehlte oft an Gegenstimmen. Warum wurde etwa nicht jemand wie Joachim Herrmann (CSU) eingeladen, um zu begründen, warum die Union Sicherheitsinteressen für vorrangig hält?

Beim Datenschutz musste stattdessen der Künstler und Satiriker Shahak Shapira widerwillig als Gegenspieler herhalten. Constanze Kurz kritisierte ihn für eine seiner Kunstaktionen. Im August sprühte Shapira Hasskommentare, die Twitter nicht gelöscht hatte, vor der Deutschland-Zentrale des Konzerns auf die Straße. Für Kurz die unterkomplexe Behandlung eines schwierigen Problems. Die ganze Löschdebatte, befürchtet sie, werde am Ende nur dazu führen, dass die sozialen Netzwerke automatische Löschfunktionen schaffen werden. Und diese Programme würden dann auch Satire- und Kunstaktionen wie jene von Shapira löschen, weil sie den Unterschied zu herkömmlichen Hasskommentaren gar nicht bemerken.

3. Die Gegenwart oder: Fuck, Fun, Feminism

Gespräche zwischen Freunden haben keinen Anfang und kein Ende mehr: Elisabeth Gamperl und Katharina Brunner

Überhaupt spielten Hasskommentare auf dem Netzkongress eine große Rolle. Shahak Shapira bekannte in einem Interview am Rande des Kongresses, dass ihn die vielen Hasskommentare, die er nach seinen Aktionen erhalte, allmählich zermürben würden. Er frage sich immer mehr, ob sich das noch lohne, sagte Shapira.

Und neben anderen sprach auch Juliane Wieler über den Hass im Netz. Wieler moderiert Hip-Hop Sendungen beim Jugendsender Puls und findet unter ihren Beiträgen immer wieder jede Menge sexistische Kommentare. Ein Phänomen, das Wieler aber nicht der Hip-Hop Comunity zuschreiben will. Sexismus gebe es überall im Netz, meint sie. Vor allem aber dort, wo Menschen anonym posten können.

Aber nicht nur der Hass hat den Netzkongress beschäftigt auch die Liebe. Verena Fiebiger von Puls analysierte in ihrem Beitrag, wie Paare auf Instagram ihr Intimleben präsentieren und dabei alte Rollenbilder reproduzieren. Und Katharina Brunner und Elisabeth Gamperl von der Süddeutschen Zeitung erzählten auf dem Netzkongress, wie Freundschaft in Zeiten von Instant Messaging funktioniert. Gespräche zwischen engen Freunden hätten heute keinen Anfang und kein Ende mehr, erläutern die beiden. Während manche diese Entgrenzung bedrohlich finden mögen, sehen Brunner und Gamperl sie als Gewinn. Wir seien heute unseren Freunden so nah wie nie, behaupten sie. Und dabei hätten wir gleich noch eine neue Sprachform erfunden: Das digitale Reden. Wir schreiben, folgen aber den Regeln der mündlichen Kommunikation.

4. Das Erbe oder die “digital Funeral”

Theater als Ort für Erinnerungen – und als Alternative zu Social Media: Publizist Wolf Siegert

Was aber geschieht mit unserer digitalen Kommunikation, wenn wir einmal verschwunden sind? Für den Publizisten Wolf Siegert sind Blogs und vor allem die Facebook- und Instagramprofile der Menschen die digitale Form des Tagebuchs. Eine Entwicklung, die ihn beunruhigt. Denn wenn wir Firmen wie Facebook unsere Biografie anvertrauten, müssten wir damit leben, dass diese unsere Daten weitergeben, ohne dass wir das kontrollieren können. Die Konsequenzen seien potentiell beunruhigend.

Wolf Siegert plädiert deshalb dafür, Lebensgeschichten nicht bei Facebook und Co. sondern anderswo zu erzählen. Und er fordert Journalisten, Künstler und Historiker auf dies zu tun. Auf dem Zündfunk Netzkongress zeigte er deshalb die Lebensgeschichten von einigen Teilnehmern des letztjährigen Kongresses in einer Theaterperformance.

Die Veranstalterin Sabine Landes zeigte den Teilnehmern ihres Workshops, wie sie ihren digitalen Nachlass regeln können. Für viele ist es eine gruselige Vorstellung, dass nach dem eigenen Tod noch Social-Media-Profile von einem im Netz stehen. Längst gibt es professionelle Anbieter – etwa Bestattungsunternehmen -, die diese Zombie-Profile löschen. Bei Sabine Landes konnten die Teilnehmer lernen, wie sie die Löschung ihrer Profile vor ihrem Tod selber veranlassen können.

Und was bleibt am Ende des Zündfunk Netzkongress? Memes! Traditionell ging die Veranstaltung mit dem großen Meme Jeopardy von Anna Bühler und Christian Schiffer zu Ende. Und wie immer waren dafür noch mal alle zur Großen Bühne gekommen. Der unbestrittene Jeopardy-König: Shahak Shapira. Vier Memes hat Shapira richtig erraten. Und eins der vorgestellten Memes – BosbachLeavingThings – stammt gar von ihm selbst.

Text von Caspar Schwietering, DJS; Fotos: Max Hofstetter