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Constanze-Kurz // Credit: picture-alliance/dpa
10.
Okt

Vorgestellt // Die Hackerin Constanze Kurz

Eine Hackerin disst die deutschen Nachrichtendienste, ein bisschen zumindest. Constanze Kurz vom Chaos Computer Club kann ziemlich gut beschreiben, wozu die deutschen Dienste in der Lage sind: Die Deutschen sind zu Grundrechtsverstößen fähig, aber – im Gegensatz zu den Amerikanern und Briten – nicht zur massenhaften Überwachung der Bevölkerung. Noch nicht.

“Überwachungstechnologien sind und werden Machtelemente sein. Und Deutschland ist hier nicht über die Kreisliga hinaus gekommen, wenn man die großen technischen Abhördienste der Welt betrachtet.”

Constanze Kurz, 42 Jahre alt, trägt viel Nerd-tum in sich und mindestens ebenso viel Berlin. Für das Interview treffen sich Constanze Kurz und Zündfunk-Autor Sammy Khamis im Hauptstadtstudio. Um die Ecke hat der Chaos Computer Club sein Büro, ein paar Straßen weiter die Bundeskanzlerin und nochmal über die Straße der BND. Dazwischen liegen die wichtigen Botschaften der Hauptstadt, haben Lobbygruppen ihre Vertretungen. Berlin Mitte sei auch der am besten überwachte Quadratkilometer Deutschlands, so Kurz. Alle wollen hier mithören:

“Natürlich sind wir hier in einem sehr interessanten Viertel, denn die Mobiltelefone und gerade auch die Nachrichten, die Regierungs-Angehörige und Lobbyisten – im Sinne von Wirtschaftslobbyisten – hier so durch die Gegend pusten, sind natürlich interessant für alle Arten. Zum einen für Geheimdienste, zum anderen für organisierte Kriminelle, die versuchen wirtschaftliche Kontakte auszuspionieren. Hier ist sicherlich ein interessantes Viertel für die, die versuchen, mobile Signale abzugreifen.”

Auch Merkels Handy wird ab-geschnorchelt

Sogar Angela Merkels Handy wird ab-geschnorchelt, wie Constanze Kurz sagt. Und zwar von den Amerikanern. Heute könne das eigentlich jeder: “Man muss im Wesentlichen ein bisschen technisches Wissen haben und kann das unter unter 1000 € machen.”

Nun braucht es aber neben dem technischen Wissen und ein paar Euro vor allem eines: kriminelle Energie – und das ist so ziemlich die einzige Form von Energie, die Constanze Kurz fehlt. Sie ist ein Energiebündel mit extrem wachem Blick, der Fähigkeit immens schnell zu denken und genauso schnell zu sprechen. Das bringt ihr Respekt in der Szene ein, einer Szene, die noch immer von Männern dominiert wird.

Was die wenigsten wissen: Constanze Kurz ist der Grund, weshalb es keine Wahlcomputer in Deutschland gibt. Denn Kurz, die promovierte Informatikerin ist, hat in ihrer Doktorarbeit gezeigt, wie leicht diese Geräte zu manipulieren sind.

Hacken für die “gute Sache”

Was Constanze Kurz tut, ist Hacken für die “gute Sache” – im Gegensatz zu einem Teil der Deutschen Behörden, für die Sicherheit immer heißt, so viel wie möglich abzugreifen, mitzulesen, abzuhören. Mit ihrer Arbeit zeigt die Hackerin: Sicherheit und Freiheit müssen keine Gegensätze sein – aber wer nur Sicherheit will, der verliert die Freiheit. Ein gutes Beispiel dafür ist ihr Kampf gegen den sogenannten Bundestrojaner – einer Abhörsoftware, die umfassend Daten erheben wird:

“In Deutschland wird beim Staatstrojaner bspw. ein Telefonsex nicht nur aufgezeichnet, sondern auch transkribiert, was ein doppelter Eingriff ist und rechtswidrig. Und anders, als wir uns das früher gedacht haben, gibt es in unserem Gesetz leider auch keine Grenze – und das bedeutet, dass jegliche Art von System gesetzlich infiltrierbar und Schadsoftware infizierbar sind. Das bedeutet also auch, dass sie uns gefährlich werden können – das sehe ich unter den informationstechnischen Aspekten als große Gefahr. Und im Übrigen auch: Früher sind solche Schad- und Spionage-Softwares von den Diktaturen der Welt eingesetzt worden, aber plötzlich hat es sich gedreht, sodass das in den westlichen Demokratien mehr und mehr gelockert wird.
Ich habe ein bisschen Probleme damit – was man ja in westlichen Demokratien so gerne macht -, Diktaturen darauf hinzuweisen, dass man das nicht machen sollte, wir sind aber selber nicht besser. Diese Ebene sehe ich dabei auch.”

Sicherheit und Freiheit müssen keine Gegensätze sein

Die Gefahren der Überwachung kennt Constanze Kurz auch, weil sie die letzten Jahre der DDR in Ost-Berlin erlebt hat. Sie hat gesehen, wie ihrem Vater die Karriere verstellt wurde, weil er nicht linientreu genug war. Constanze Kurz ist ebenfalls wenig “linear”: Sie ist Sprecherin von 10.000 Mitgliedern im Chaos Computer Club, dann wieder ist sie Berichterstatterin in Untersuchungsausschüssen und danach zerlegt sie Mobiltelefone, um zu zeigen, wie anfällig diese für Überwachung sind. Können ihre Eltern eigentlich verstehen, wieso sie macht, was sie macht?

“Meine Eltern werden nicht jedes technische Detail verstehen, aber ich bemühe mich auch um eine verständliche Sprache – da ich in Büchern dargelegt habe, die allgemein verständlich sein sollen und kein Techno-Bubble, hoffe ich das in großen Teilen. Ich glaube, meinen Aktivismus verstehen sie zwar nicht immer, aber sie sind auch nicht unzufrieden damit, dass ich ein politischer Mensch zusätzlich zu meiner technischen Expertise bin.”

Wir freue uns sehr, dass Contanze Kurz auf dem Zündfunk Netzkongress 2017 die Keynote hält.

Und hier geht’s zu den Tickets.

Text: Sammy Khamis