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16.
Okt

Science Fiction: Wieso wir die Zukunft lesen sollten?

Eigentlich ist Science Fiction doch was für Träumer. Das sieht die Literaturwissenschaftlerin Klaudia Seibel ganz anders. Sie sammelt aus Romanen Innovationen für Unternehmen und Antworten auf die Frage, wie wir leben könnten.

Klaudia Seibel findet Ideen. Als Literaturwissenschaftlerin arbeitet sie in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar – der weltweit größten Sammlung phantastischer Literatur. Zwischen Horror, Märchen und Fantasy entdeckt Seibel Geschichten, die sich zwischen Realität und Fantasie abspielen. Das Genre Science Fiction, sagt sie, halten viel für banal, zu Unrecht – steckt doch ausgerechnet hier ein großes Potenzial an Ideen. Diese Ideen sammelt Seibel. In dem Projekt “Future Life” bildet sie aus einzelnen Gedanken von Autoren Cluster – mit denen Unternehmen Neuheiten entwickeln können.

Was wäre, wenn…?

Klaudia Seibel

Bedeutet das also, dass Science Fiction die Zukunft prophezeien, vielleicht sogar aktiv anschubsen kann? “Nein”, meint die Wissenschaftlerin. “Science Fiction sagt nicht das Verhalten des Einzelnen vorher. Aber es schließt immer von dem was ist, auf das, was sein könnte. Denn Autoren fragen: Wie könnten sich Technik und Wissenschaft weiterentwickeln? “Science Fiction ist immer mit dem Kopf in den Wolken, aber mit den Füßen auf dem Boden”, erklärt Seibel.

Konkret sieht die Arbeit der Wissenschaftlerin so aus: Sie liest Texte und sucht darin nach Visionen für die Welt von morgen. “Vieles wurde in Science Fiction-Romanen schon durchdacht. Autoren sind unglaublich kreativ.” Klaudia Seibel teilt diese Ideen und die technische Weitsicht mit den Firmen, die sie berät. Die meisten Unternehmen fordern darüber absolutes Stillschweigen, weil sie merken, wie viel ihnen Autoren mit ihren Geschichten voraus sind. Und dass sich dieser Vorsprung unter Umständen gut monetarisieren lässt.

 

Gibt es Grenzen?

Neben neuen Technologien fragen Science Fiction-Autoren aber vor allem, wie wir leben wollen. Laut Sascha Mamczak vom Heyne-Verlag macht Science-Fiktion den Hintergrund zum Vordergrund: „Es ist das einzige Genre, in dem es in den Geschichten nicht nur darum geht, was die Figuren machen. Genauso wichtig ist die Kulisse – in welcher Welt sie das tun.“ Auch darüber lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie wir in Zukunft moralische Fragen bewerten wollen.

Welche Gefahren lauern hinter technischen Innovationen – beispielsweise bei automatisiertem Fahren: Wer ist schuld, wenn Roboter Fehler machen?  Und wenn Maschinen immer intelligenter werden, haben sie dann eigene Rechte oder sind sie nur unsere Sklaven? Science Fiction sorgt so auf kreative Weise dafür, dass die Gesellschaft Themen neu diskutiert. Klaudia Seibel spricht auch mit Unternehmen über ethische Fragen. „Ingenieure fokussieren sich immer auf Innovationen – wenn wir unsere Welt nicht den Technokraten überlassen wollen, brauchen wir Science Fiction.“

 

 

Welche Science-Fiction-Romane sollte man gelesen haben?

Kürzlich erhielt Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis. Ishiguro schrieb unter anderem den Science-Fiction-Roman “Alles was wir geben mussten“. Die Geschichte über Klone rückt damit auch das Genre in das Zentrum der literarischen Aufmerksamkeit. Drei Science-Fiction-Liebhaber verrieten auf dem Zündfunk Netzkongress nun, welches Buch ihren Blick auf die Welt verändert hat.

Buch: Die Maschinen von Ann Leckie

Expertin: Klaudia Seibel, Literaturwissenschaftlerin Phantastische Bibliothek Wetzlar

Warum es das Lesen wert ist: Aus der Ich-Perspektive erzählt ein Maschinenwesen, wie es unsere Welt wahrnimmt. Spannend daran ist, dass Autorin Ann Leckie selbst nicht weiß, welches Geschlecht ihre Rollen haben.  Die Protagonistin in der Geschichte ist keine Frau und auch kein Mann. Sie ist ein Ding, die mit unseren Geschlechterrollen überfordert ist. Wann nennen wir jemanden ‘Sie‘, wann ‘Er‘?  Interessant ist, wie der Leser damit umgeht, wenn das Geschlecht plötzlich keine Rolle mehr spielt.

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Buch: Amalthea von Neal Stephenson

Experte: René Walter, Blogger (Nerdcore)

Warum es das Lesen wert ist: Der Mond explodiert. Innerhalb von zwei Jahren wird die Erdoberfläche vernichtet.  Auch wenn ich es gern mag, wenn Dinge explodieren: Hier ist nicht die Katastrophe interessant, sondern welche Gesellschaft sich 5000 Jahre später aus der Notsituation heraus entwickelt hat. Welche Machtstrukturen gibt es? Ich habe gelernt: Eine sehr offene Gesellschaft ist möglich.

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Buch: New York 2140 von Kim Stanley Robinson, erscheint auf Deutsch Anfang 2018

Experte: Sascha Mamczak, Autor, Lektor und Herausgeber beim Heyne-Verlag

Warum es das Lesen wert ist: In der hier gezeigten Zukunft hat der Klimawandel dafür gesorgt, dass Großstädte wie New York und Hamburg geflutet wurden. Der Autor hat sich für das Jahr 2140 entschieden –  das Datum ist hier aber unwichtig. Es geht darum, dass die Menschheit nicht aus ihren Fehlern lernt. Robinson treibt die Katastrophe ins Obszöne, indem er schildert, wie ein Börsenhändler auf Wasserstände wettet. In der Geschichte erscheint das völlig normal – weil es eben die Art von Leben ist, für die wir uns entschieden haben.

Text von Nadja Armbrust; Fotos: Max Hofstetter