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17.
Okt

Mind the Gap!

Die Gesellschaft ist gespalten. Wir oder Die. Jung oder Alt. “Gutmenschen” oder “Wutbürger”. Wie gehen wir um mit dem großen Graben? Lässt er sich wieder schließen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Zündfunk Netzkongresses. Patentrezepte gibt es keine, aber viele Denkanstöße. Von Daniela Gassmann

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Ein türkisfarbener Pool, dahinter die Spree. Im Becken schwimmt ein einziger junger Mann. Es ist der erste Mai in Berlin: ein schöner Tag. Auf Facebook teilt die Tagessschau dieses Foto, inklusive Badesaison-Eröffnungs-Kommentar: ein harmloser Post, vermeintlich unpolitisch.

„Warum schwimmt da Kacke im Becken?“, fragt ein Nutzer – und bezieht sich auf die Hautfarbe des Fotografierten. Andere schreiben: „Ich dachte die können nicht schwimmen :,D :,D :,D.“ Und: „Hoffentlich kommt keine Frau.“ So radikal diese Kommentare sind, keiner der User versteckt sich hinter einem Pseudonym. „Solche Dinge sind sagbar“, erklärt Anna-Mareike Krause, Social-Media-Koordinatorin der Tagesschau. „Das hat sich in den letzten Jahren geändert.“

Als eine von 58 Speakern und Speakerinnen diskutierte Krause auf dem Zündfunk Netzkongress über einen Graben: jenen, der sich schon länger durch die Gesellschaft zieht – und zunehmend auch das Internet spaltet.

Menschen wollen gesehen werden

Noch in den Neunzigern gingen Internet-Aktivisten davon aus, dass das Netz unsichtbar mache. Identitätsmarker wie Körper oder Geschlecht, sozialer Kontext oder Herkunft seien – anders als in der unmittelbaren Kommunikation – nicht erkennbar. „Ours is a world that is both everywhere and nowhere, but it is not where bodies live“, schrieb John Perry Barlow in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. „We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth.” Was er nicht einkalkulierte: Menschen wollen sich möglicherweise gar nicht von Identitätsmarkern lösen und gleich sein – sie wollen jemand sein. Gesehen werden und gehört.

Um mit ihren Identitätskategorien im Netz sichtbar zu werden, müssen sie umso lauter schrei(b)en. Wenn sie sich in ihrem Geschrie(b)enen untereinander ähneln, können sie eine Gruppe bilden oder als Gruppe konstruiert werden. Plötzlich sind sie Wir oder Die. Jung oder Alt. Gutmenschen oder Wutbürger. Techies oder Kulturpessimisten. Geflüchtete oder Heimatfront. Weil sie sich Meinungen teilen, können sie es sich in ihrem Standpunkt gemütlich machen, und über den Graben hinwegsehen, der zwischen ihnen und den anderen entsteht.

„Mind the Gap!“ warnt der Zündfunk Netzkongress in diesem Jahr: Dieser Graben, diese Lücke ist gefährlich. Und wenn sie an zwei Tagen schon nicht zu schließen ist – sie muss diskutiert werden. Auf den Bühnen geht es deshalb um die Fragen: Wie können wir vermeiden, dass im Kampf um Aufmerksamkeit nur die zugespitzten Botschaften beachtet werden? Wie verhindern wir, dass User sich ständig von  Gleichgesinnten bestärken lassen? Wie können wir lernen, uns wieder zuzuhören, statt immer nur zu streiten?

Freiheit von Zwängen – für viele eine Zumutung

Auf der Suche nach Lösungen sind es immer wieder der Populismus und die neue Rechte, bei denen die Referenten ansetzen. So analysiert Patrick Gensing, warum die Narrative der Alternative für Deutschland im Netz so gut funktionieren – und setzte bei einem Grundproblem der Moderne an: Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Die Freiheit von Zwängen sei für viele eine Zumutung. Menschen sehnen sich nach einer übersichtlichen Welt, in der alles so einfach ist, wie es vermeintlich einmal war: Zwei Geschlechter, der Mann arbeitet, die Frau bleibt daheim, Homosexualität ist abnormal, Feminismus undenkbar. Das bieten ihnen, so Gensing, die AfD und ihr Björn Höcke. „Er entwirft innerhalb von 20 Minuten ein abgeschlossenes Weltbild. Eine universelle Erklärung, mit der ich alles einordnen kann.“

Die Parolen nicht nur der AfD, sondern auch von Pegida und anderen Rechten, funktionieren einfach und emotional. Zugespitzt lassen sie sich auf 140 Zeichen oder weniger zusammenfassen. Im Netz finden sie deshalb ihr perfektes Zuhause. Im Schutzraum der Filterblasen befeuern und bestärken sich Populisten weiter gegenseitig.

In ihrer Arbeit als Social-Media-Koordinatorin ist Anna-Mareike Krause täglich mit den lauten, zugespitzten Aussagen  konfrontiert. Am Beispiel des Schwimmbad-Posts vom ersten Mai zeigt sie, welche Muster digitalen Hass ausmachen: Wenn ein User kommentiert, „hoffentlich kommt keine Frau“ in seine Nähe, bringt er irgendeinen Berliner in Verbindung mit Männern, denen sexuelle Belästigung im Schwimmbad vorgeworfen wird. Der behauptete Zusammenhang basiert auf einer einzigen Gemeinsamkeit: Sie sind nicht weiß. „Menschen mit Migrationshintergrund werden so entindividualisiert“, sagt Krause.

Die Kommentarspalten nicht den Hetzern überlassen

Doch wie kann man reagieren auf den radikalen Hass, der das Netz spaltet?

Aus Medienperspektive spricht sich Krause für das Löschen von Kommentaren aus, denn: Selbst Morddrohungen haben selten juristische Folgen, und Social-Media-Unternehmen reagieren ebenfalls kaum. Wenn wir in solchen Fällen nicht eingreifen, profitiert davon eine laute Minderheit“, sagt sie. „Eine Minderheit, die andere Menschen vertreibt.“ So entstehe die Gefahr einer Meinungsfreiheit der Wenigen, die am lautesten hassen. Auch sollten Medien einfache Erklärungen nicht den Rechten überlassen. Deshalb postet die Tagesschau Videos wie jenes, das den Unterschied zwischen Amok und Terror veranschaulicht. Wichtig sei zudem, dass andere Nutzer nicht verstummen. „Ich möchte appellieren – obwohl sie ein grausamer Bereich sein können – die Kommentarspalten nicht den Hetzern zu überlassen. Es lohnt sich, zu diskutieren.“

Ein ständiges Aufräumen hinter Rassisten kann jedoch lähmen. Davor warnt die Journalistin, Bloggerin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüsay. „Wir beschäftigen uns zu einem Großteil nur noch mit Themen, die uns vorgegeben werden – und zwar wochenlang. Wenn wir keine anderen Diskussionen mehr führen, schreiten wir nicht voran.“ Übernehmen Menschen die Agenda von Populisten, setzen sie sich mit Burka und Niqab auseinander – oder mit der Frage, wer denn nun zu Deutschland gehöre – dann machen sie Selbstverständlichkeiten wieder diskutabel.  Das sei beschämend.  Und wenn sich das Netz wie in diesem Sommer nach rassistischen Äußerungen zur Werbung für Kinderschokolade solidarisiert, dann ist das für Gümüsay kein Zeichen von Größe, sondern „absolutes Mindestmaß.“

Um als Gesellschaft weiterzukommen, brauche es mehr als das Selbstverständliche. Gümüsay fordert Mut zur Komplexität – auch im Rausch der Angst wie nach der Silvesternacht in Köln, nach den Anschlägen in Paris oder Ansbach. „Die Zwischentöne der differenzierten Debatten sind es“, sagt sie, „die konstruktive Lösungen für unsere Gesellschaft bereithalten“. Wir sollten uns trauen, wohlwollend zu streiten. Weil wir Menschen sind, keine personifizierten ideale. Wenn wir diskutieren – laut aber besonnen – können wir gemeinsam voranschreiten. Und gegen den Graben in unserer Gesellschaft ankommen.