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24.
Juli

Kokosöl ist der kulinarische Absteiger des Jahres – schuld daran ist das Internet

Letzte Woche galt Kokosöl noch als Superfood. Praktisch als weißes Gold unter den Pflanzenfetten. Plötzlich jedoch erlebt die Kokosnuss einen Shitstorm sondergleichen. Es scheint kaum etwas giftigeres zu geben. Schuld daran ist das Internet. Christian Schiffers #failoftheweek.

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Letzte Woche, da war die Welt noch in Ordnung: Gut gelaunt brutzelten wir unsere Gemüsebratlinge in viel heißem Kokosöl, wir schmierten uns Kokosöl auf unsere selbstgebackenen Vollkornbrötchen und schlemmten beim Netflix-Schauen Kokosöl aus großen Kokosöl-Bottichen in uns hinein. Auf dem Kopf noch eine Haarpackung mit Kokosöl und um das Gesicht herum vielleicht noch einen Hipster-Bart, geschmeidig gepflegt und in Form gebracht mit Kokosöl, dem weißen Gold unter den Pflanzenfetten. Doch damit ist jetzt Schluss. Denn seit einer Woche geht ein 50-minuten langes Video eines Univortrages im Netz viral, über eine Million Mal wurde es schon angeklickt, was ungewöhnlich ist für Videos von Univorträgen, die 50 Minuten lang sind. In dem Video spricht Karin Michels vom Universitätsklinikum Freiburg und die hat gleich am Anfang Dramatisches zu verkünden:

„Kokosöl… ist… gefährlicher für Sie als Schweineschmalz. Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße, je höher das Risiko eines Herzinfarkts!“

Zyankali, Anthrax, Kokosöl

Seitdem hat regelrechte Panik das Netz erfasst. Kokosöl ist für viele nun also regelrechtes Gift, so schlimm wie Schweineschmalz, ach was, eigentlich sogar schlimmer. Kokosöl spielt nun mindestens in einer Liga mit Zyankali, Anthrax und Nowitschok. Man kann wirklich nur hoffen, dass nicht da draußen ein Irrer ein Pfund hochangereichertes Kokosöl aus Nordkorea in die Hände bekommen und damit eine schmutzige Kokosöl-Bombe baut, die in einem Radius von mehreren Kilometern einen Fallout an gesättigten Kokosöl-Fettsäuren herunterregnen lässt. Auf Twitter zumindest brennt der Baum:

Letzte Woche noch Superfood, heute schon Biowaffe

Angesichts der Kokosöl-Panik wird es vermutlich nicht mehr lange dauern bis die ersten Kokosöl-Transporte nach Gorleben oder Asse fahren, wo sie unter dem Protest der örtlichen Bevölkerung endgelagert werden, auch wenn dadurch diese Regionen für Jahrhunderte unbewohnbar werden, egal wie viele Omega-6-Fettsäuren man da dann noch drüberkippt. Letzte Woche noch ein Superfood, heute quasi fast schon Biowaffe, selten ist ein Nahrungsmittel von einem Tag auf den anderen so unter die Räder gekommen und das aufgrund eines Youtube-Videos.

Jede Woche ein neuer Mikro-Foodtrend

Das Netz hatte schon immer ein bisweilen neurotisches Verhältnis zum Essen: Low Carb, Paleo, „From Nose to Tail“„From Leaf to Root“, Basische Ernährung, Porridge-Pampe, Bowl-Napffraß, Rohkost-Terror, Weizen-Hysterie, Superfood-Verarsche, Smoothie-Matschepatsche: Alles Trends, die von Food -Bloggern und Instagram mit angeschoben wurden. Zwei Grundprinzipien des Internets gelten hierbei auch unter kulinarischen Vorzeichen, nämlich: Individualisierung und Empörungskultur. Und so wird dann eben alle paar Wochen ein neuer Mikro-Foodtrend durch den Stream getrieben. Und: Wenn es alarmistisch genug zugeht, dann kann es eben auch passieren, dass die Empörung so groß wird, dass sich plötzlich das Öl eines tropischen Palmengewächses in einem gewaltigen Shitstorm wiederfindet und zur Beatrix von Storch unter den organischen Flüssigkeiten mutiert.

Runterkochen

Dabei gibt es gute Gründe die Sache etwas nüchterner zu betrachten: Nein, ein Superfood ist Kokosöl nicht, aber „pures Gift“ bestimmt auch nicht. Das zumindest steht – genau – im Internet: Mit Kokosnussöl ist es wie mit vielen anderen Fetten – die Menge ist entscheidend.

Wohl bekomm‘s!