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14.
Okt

Neue Nähe – Wie Instant Messaging unsere Freundschaften verändert

Durchschnittlich verbringt ein User 195 Stunden pro Woche auf WhatsApp. Und das ist nur ein Messenger-Dienst. Meistens benutzen wir parallel dazu noch zwei oder drei andere Dienste, um uns mit den gleichen Leuten zu connecten. Mit dem Facebook-Messenger verschickt man den lustigen Hasen-Sticker und Signal wird von Edward Snowden empfohlen, also ist da alles super sicher.

Je mehr solcher Kanäle wir mit einem Freund oder einer Freundin benutzen, desto enger wird unsere Bindung, behaupten Elisabeth Gramperl und Katharina Brunner von der Süddeutschen Zeitung. „Wir leben im Zeitalter des digitalen Redens“, sagt Brunner. Dass das digitale Zeitalter Freundschaften oberflächlich macht, sehen die beiden Journalistinnen gar nicht. Instant Messaging bringe uns einander sogar näher.

Demokratisierung der Intimität

Dabei geht es nicht um Facebook-Freundschaften, betonen Gramperl und Brunner, das fungiere eher als Erinnerungsbox für Freundschaften. Es geht um die Hand voll Menschen, mit denen wir uns fast täglich austauschen. Und zwar intensiv und persönlich. So persönlich, dass sie inzwischen immer in unseren Hosen- und Handtaschen bei uns sind. Egal ob in der U-Bahn oder im Meeting: Handy raus und intime Themen oder lustige Geschichten teilen, bei denen man nicht will, dass alle zuhören.

Intimität und Freundschaft werden von Raum und Zeit entkoppelt. Wir teilen vermehrt alltägliches mit unseren Freunden, wie die Bitte nach Mitleid für unser trauriges Frühstück mit grauer Wurst im All-Inclusive-Hotel. Und dem Freundschaftskiller, der „Long-Distance-Friendship“, bieten wir mit ein paar Fingerwischen die Stirn. Das Alltägliche und die tiefen Gespräche schaffen eine solide Freundschaftsbasis. Wer mehr textet, treffe sich auch eher face-to-face.

Messaging – ein Hybrid aus schriftlich und mündlich

Wir schreiben zwar, aber wir schreiben wie wir reden. Elisabeth Gramperl und Katharina Brunner machen klar, dass nach mündlicher und schriftlicher Kommunikation ein neues Kommunikationszeitalter angebrochen ist: Schriftlich ja, aber Grammatik oder Satzbau dürfen gerne mal leiden, wenn wir die schnelle Nachricht abschicken. Trotzdem haben wir Zeit unsere Antworten genauer zu planen, eventuell noch mal umzuformulieren.

Digitale Kommunikation bedarf neuen Codes: Für Mimik und Gestik, Transportmittel für Emotionen, gibt es Emojis. Wie bei der Gestik, müssen wir lernen, was sie bedeuten. Zum Beispiel, dass Auberginen auf WhatsApp keine Auberginen sind… 2.600 Emojis gibt es inzwischen, die auch in unseren Freundschaften eigne Codes bekommen können.

Der Beginn einer neuen Freundschaft

Doppelhäkchen, Lesebestätigungen und die drei wabernden Punkte, wenn jemand schreibt – quälendes Warten auf die Antwort. Die ewige Hoffnung und ultimative Enttäuschung unseres Alltags, zitieren Brunner und Gamperl einen New Yorker Kolumnisten. „Zeit ist eine Währung in digitalen Beziehungen“, sagt Elisabeth Gamperl. Drei Minuten ist die durchschnittliche Reaktionszeit auf eine Nachricht. Und wenn es länger dauert, fühlen wir uns schnell bestraft, obwohl vielleicht jemand nur einfach mal nicht aufs Handy geschaut hat.

Instant Messaging ist nicht das Ende der physikalischen Freundschaft, sondern erst ihr Beginn, ist die These der beiden Journalistinnen. Entscheidend ist nicht die Technologie, also welchen Messenger wir benutzen, sondern das Gerät. Denn so nah wie jetzt, waren uns unsere Freunde wohl nie.

Text: Rachel Roudyani