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17.
Okt

Do it yourself: Wie aus Feinstaub Open Data wird

Sensoren zusammenschrauben und Feinstaubdaten visualisieren – das klingt kompliziert. Zündfunk-Reporterin Veronika Hitzler hat Jan Lutz‘ Do-it-Yourself Daten-Workshop in Stuttgart besucht. Überall in den Großstädten werden regelmäßig Feinstaub-Grenzwerte überschritten. Um für die Problematik zu sensibilisieren, bietet das Open Knowledge Lab Projekte zum mitmachen an.

Auf dem Tisch vor mir befinden sich ein paar bunte Kabel, Kabelbinder, ein Plastikrohr und zwei kleine viereckige Plastikteile mit Metallplatten darauf – sie sind nicht größer als meine Handfläche. Was für mich aussieht wie Teile, die willkürlich aus einem PC gerissen wurden, ist in Wirklichkeit das Innenleben eines Feinstaubmessgeräts, das ich mir gleich selbst zusammenbauen werde. „Das Herzstück ist der Feinstaubsensor, der misst PM 2,5, also die feinen Feinstaubpartikel“, erklärt mir Jan Lutz. Er ist Leiter des Open Knowledge Labs in Stuttgart, das zusammen mit Studierenden in China den Feinstaubsensor für Zuhause entwickelt hat. „Hier haben wir den Note MCU, das ist ein kleiner Mini Computer mit einer Wifi-Einheit, die drauf liegt, und das ist wichtig, weil wir natürlich die beiden Teile nachher verbinden“, erzählt Jan weiter.

Die Teile für den Sensor gibt’s für knapp 35€ im Internet

An insgesamt fünf Standorten in Stuttgart wird von offizieller Seite die Luftqualität gemessen. Das ist zu wenig, um über die Feinstaubbelastung in der ganzen Stadt eine Aussage treffen zu können. Darum startete Jan 2015 das Projekt luftdaten.info, dessen Ziel es ist, Menschen für das Thema Feinstaub zu sensibilisieren und dazu anzuregen, über das eigene Umwelt- und Konsumverhalten nachzudenken. Deshalb werden die Messdaten öffentlich zur Verfügung gestellt. Jeder kann sie einsehen und sich sogar aktiv an der Messung der Luftqualität beteiligen. Auf luftdaten.info findet man die Einkaufsliste für die Einzelteile des Feinstaubsensors, die sich für etwa 33 Euro im Internet auftreiben lassen. „Bei uns selber kann man die nicht bestellen. Aber der Trick ist ja genau, dass man es selber bauen muss, weil dann ist man stolz darauf. Man zeigt‘s seinen Freunden und Bekannten, die machen das dann im besten Fall nach, und so entsteht dieser Impuls“, meint Jan, während er die Teile vor mir auf dem Tisch ordnet. „Würde man das als Produkt kaufen können, wäre die Absprungrate viel höher, und dann landet das eher bei den Leuten in der Ecke.“

Eine Live-Map zeigt, wo es gerade  grenzüberschreitende Belastungen gibt

Mithilfe von Crowdfunding und Unterstützung der Open Knowledge Foundation bietet Jan Workshops an, bei denen jeder lernen kann, das Messgerät selbst zusammenzubauen. Außerdem lernt man dort, wie das Gerät anschließend mit dem Heimnetzwerk verbunden werden muss, um die Daten ablesen zu können. Laut Jan geht es aber auch ohne Workshop. „Wir haben eine Anleitung auf luftdaten.info, mit der schafft man das auch Zuhause. Mein Sohn hat das auch schon gebaut, mit 9 Jahren, also es geht relativ einfach.“ Das Zusammenbauen dauert zehn Minuten. Alles was ich brauche ist eine ruhige Hand und die Anleitung von der Homepage. Die zeigt mir, wie die Kabel gesteckt werden. Das Ganze funktioniert ohne Löten oder Kleben. Anschließend muss das fertige Gerät nur noch auf luftdaten.info registriert werden, schon erscheint es auf der interaktiven Weltkarte. Registriert sind dort inzwischen 6000 Messgeräte weltweit. Zusammen bilden Sie für jede Stadt ein gutes visuelles Gesamtbild ab. Rote und Lila-farbene Flächen zeigen auf den ersten Blick, wo gerade eine grenzüberschreitende Belastung herrscht – und das in Echtzeit. Jan und ich werfen einen Blick auf die Karte und Jan erklärt mir die Werte.

„Richtung Westen ist es in Stuttgart heute bisschen schmutziger. Schauen wir mal nach München. Oh, in Obermenzing ist es heute Lila. Lila ist ganz schlecht.“ Neben Feinstaub will das Open Knowledge Lab in Zukunft auch noch Lärm, Stickstoffdioxid und Radioaktivität messen und visuell darstellen. So wollen Jan und sein Team Zugänge zu schwierigen ökologischen Themen schaffen, sie sichtbar machen – nicht nur auf der Karte, sondern auch im Bewusstsein der Gesellschaft. Laut Jan ist das ein wichtiger Schritt, um die Lebensqualität in Städten zu verbessern. Eine optimale Stadt gibt es ihm zufolge zwar nicht, er wünscht sich aber: „Eine Stadt in Bewegung, die schnell Prozesse anstoßen kann und schnell Lösungen für Probleme, die schon lange bekannt sind, schaffen kann. Und wir versuchen einfach Teil der Lösung zu sein und alle zum Mitmachen zu animieren.“Mitmachen und Teil der Lösung sein, das kann jeder direkt auf dem Zündfunk Netzkongress in München. Am 27. Oktober findet der Workshop von Jan Lutz statt und dort bekommt jeder die Möglichkeit, Feinstaubmessgeräte unter professioneller Anleitung selbst zu bauen.

Veronika Hitzler

Hier findet ihr mehr Infos zur Session mit Jan Lutz auf dem Netzkongress