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14.
Okt

Den Menschen ihre Geschichten zurückgeben

Wolf Siegert will unser digitales Erbe nicht Google und Facebook überlassen. Deshalb spielt er Theater.

Ein bisschen verdutzt gucken die Zuschauer schon, als sie um 11 Uhr die kleine Bühne am Volkstheater betreten. Da steht Wolf Siegert, für den sie zur Veranstaltung gekommen sind, auf der Bühne – und applaudiert ihnen zu. Siegert macht sie zu den Akteuren seiner Performance, will ihnen – die in seinen Augen für Facebook, Google und Co. nur noch Datenmaterial sind – ihre Würde zurückgeben.

Wolf Siegert sieht sich selbst als Digital-Guru. Seit er in den Siebzigern die Programmiersprache „Fortran“ lernte und mit Lochkarten hantierte, denkt der heute 68-Jährige darüber nach, wie es mit der Digitalisierung weitergehen wird. Einen Changineer nennt er sich. Er erzählt gern, wie er als Veränderer Giganten wie Microsoft, der Telekom und Burda half, das Internet zu verstehen.

Niemand wird Siegert also Sendungsbewusstsein abstreiten. Das „Digitale Erbe“ beschäftigt ihn seit Jahren. Dennoch möchte er dazu keinen Vortrag halten. Also stellt er mit demonstrativer Geste das Publikum in den Mittelpunkt.

Aus unseren Daten dürfen keine Digital-Klone werden

Wie Facebook, Google und Co. hat Siegert Informationen gesammelt – Lebensdaten. Die Besucher des letztjährigen Netzkongresses hat er gebeten, ihm eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die es wert ist, auch nach ihrem Tod noch erzählt zu werden. Jetzt sitzt Siegert etwas gebrechlich, mit langen schlohweißen Haar an einem kleinen Beistelltisch neben der Bühne, und schaut zwei Schauspielschülern zu, wie sie diese Geschichten vortragen.

Den Zuschauern ihre Geschichten zurückgeben, nennt Siegert das. Die Leistung sieht er dabei vor allem bei den Geschichtenerzählern – dem Publikum. Deshalb der Applaus.

Wenn die Menschen ihre Geschichten Paten wie Facebook anvertrauen, verlieren sie die Kontrolle. Wolf Siegert

Die meisten Menschen erzählen heute ihre Lebensgeschichte online auf Plattformen wie Facebook und Instagram. Keine Generation hat so intensiv ihre eigen Biographie in Echtzeit dokumentiert. „Aber wenn die Menschen ihre Geschichten Paten wie Facebook anvertrauen, verlieren sie die Kontrolle“, meint Siegert. „Sie wissen nicht, wie diese Paten ihre Geschichte weiter erzählen, in welcher Form und an wen.“ Schon bald, glaubt Siegert, werde es mithilfe von künstlicher Intelligenz möglich sein, den riesigen Datensätzen von Facebook und Google wieder eine menschliche Form zu geben. Und spätestens wenn diese Digital-Klone einmal existierten, hätten die Menschen die Kontrolle über ihre eigene Biographie verloren.

Siegert bringt analoge Datensätze auf die Bühne

Er glaubt, dass Journalisten, Künstler und Historiker in Zukunft vor allem eine zentrale Aufgabe haben werden: Aus den riesigen Datensätzen heraus, die entstanden sind, wieder „authentische Geschichten“ zu erzählen. Sie sollten Lebensgeschichten so erzählen, dass sie nicht allein ökonomischen Interessen entsprechen, sondern den Intentionen jener, die diese Leben gelebt haben.

Die Geschichten, die Siegert zusammen mit Clara Liepsch und Peter Blum vorträgt, sind größtenteils zunächst wenig spektakulär. Ein Mann erzählt von seinem ersten Tor für die Fußballmannschaft seines Dorfes. Ein Paar erinnert sich an den Urlaub in der türkischen Provinz. Sie erinnern sich daran, wie der Dorfpolizist plötzlich zum Fremdenführer mutierte und ihnen die ganze Gegend zeigte. Manche haben Siegert nur einen Witz erzählt. Andere denken über ihre Beziehung nach, und einer erinnert sich an eine ganz besondere Nacht in einem Club in Damaskus.

Es sind kleine Geschichten, die anrühren. Wie sich diese künftig einmal direkt aus den Datensätzen heraus digital erzählen lassen, das weiß Siegert noch nicht. Deshalb jetzt diese Performance. Deshalb jetzt Theater.

Die analoge Notlösung auf der Bühne ist für Siegert auch eine Rückkehr: Bevor er zum Digital-Guru wurde, hat Siegert mit Rainer Werner Fassbinder und George Tabori Theater gemacht. Und je länger man diesen Lebensgeschichten zuhört, desto stärker wird das Gefühl, dass der Changineer Siegert etwas nostalgisch geworden ist. Dem Publikum auf dem Zündfunk Netzkongress hat es gefallen.

Text: Caspar Schwietering, DJS