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17.
Jul

Das Ende der Gedankenfreiheit? Über die kommerzielle Erschließung unseres Gehirns

Stell dir vor, du könntest direkt mit deinem Gehirn tippen. Die großen Tech-Unternehmen investieren gerade Millionen in die Erforschung so genannter Computer-Hirn-Schnittstellen. Christiane Miethge über einen Science Fiction-Traum mit unheimlichen Nebenwirkungen.

„Stell dir vor, du könntest direkt mit deinem Gehirn tippen… Es klingt unmöglich, aber es ist greifbarer als du denkst!“ Regina Duga, ehemalige Entwicklerin bei Facebook

„Jedes Technologieunternehmen – von Google über Facebook bis Microsoft – investiert gerade viel Geld in diesen Bereich. Sobald sie Zugriff auf dein Gehirn haben, können sie deine Gedanken lesen. Firmen können aus deinem Gehirn Informationen saugen, ohne dass du es überhaupt merkst.“ Steve Hoffman, Investor

„Die Wirkung von Atombomben ist regional begrenzt. Die Wirkung von einer massenhaften Manipulation von hunderttausenden und millionenfach verfügbaren neuronalen Daten ist – aus meiner Sicht – mindestens vergleichbar, aber voraussichtlich gefährlicher.“ Philipp Otto, iRights-Lab

 

Firmen, die meine Gedanken lesen können? Das klingt nach Cyberpunk oder Orwells „1984“. Das Gehirn ist schließlich nicht irgendein Organ. In Milliarden von Nervenzellen entstehen unsere Wahrnehmung, unsere Gedanken und Gefühle. Wer es schafft, das Gehirn zu lesen oder sogar zu manipulieren, kann eine Gesellschaft unter seine Kontrolle bringen. Und genau eine solche Gedankenlese-Maschine hat Facebook vor einem Jahr angekündigt.

Beginnt morgen also 1984?

Beginnt morgen also 1984? Aus wissenschaftlicher Sicht: Nein. Noch nicht. Nur was ist, wenn es gar nicht ums Gedankenlesen geht? Wenn sogar einfache Bewusstseinszustände für Facebook und Co. wertvolle Daten liefern? Informationen aus unserem Unbewusstsein, die in Verbindung mit all unseren Likes, Klicks und Shoppinglisten eine unheimliche Kraft bekommen. So machtvoll, dass der Silicon Valley-Investor Steve Hoffman vor Begeisterung während des Skype-Interviews zu schreien beginnt: „Natürlich will Facebook unsere Gehirndaten haben. Die lieben sowas! Sie haben schon heute eine Datensammelmaschine gebaut, die so viel persönliche Daten einsaugt wie sie nur kann. Sie verkaufen diese Daten wo auch immer sie können. Das ist ihr Geschäftsmodell und wenn sie noch tiefer in uns eindringen können, werden sie das natürlich machen.“

Facebook, Google oder Amazon müssten nur ein Prozent ihrer Milliarden Nutzer davon überzeugen, ihre Gehirnströme messen zu lassen während sie surfen. Es wäre die größte neurowissenschaftliche Studie, die es jemals gab. Milliardenfache Impulse und Frequenzen: Allein diese unglaubliche Zahl könnte die profitorientierten Tech-Giganten dazu  befähigen, Dinge aus unserem Gehirn auszulesen, von denen Wissenschaftler heute nur träumen.

Shoppen ohne zu shoppen

„Facebook, Amazon, Google – sie alle bauen Datenbanken, zum Vorhersagen von Verhalten. Die Firmen versuchen jetzt schon vorherzusagen, welche Produkte du bestellen wirst bevor du es tatsächlich machst. Der nächste Schritt ist das Shopping aus deinen Händen zu nehmen: Sie wollen, dass du noch nicht mal darüber nachdenken musst, was du gerne haben möchtest. Sie wollen es dir schicken, bevor du überhaupt weißt, dass du es wollen wirst. Sie werden dazu all deine Daten kombinieren – deine Gehirndaten, deine Shopping-Daten, Informationen über deinen Aufenthaltsort und so weiter. Du kannst dann shoppen ohne bewusst zu shoppen“, so Steve Hoffman.

Der nächste Schritt in unser Innerstes

Shoppen ohne zu shoppen. Das ist die nächste Bastion. Der nächste Schritt der Tech-Firmen in unser Innerstes und damit das endgültige Ende dessen, was einmal Privatsphäre hieß. Gedankenlesen im eigentlichen Sinne ist dafür gar nicht nötig, es reichen scheinbar oberflächliche Informationen über die Aktivitäten des Gehirns. Diese sind in Kombination mit anderen Daten wertvoll. Der Datenschutzexperte Philipp Otto vom Berliner iRights-Lab: „Wenn man weiß, wie Entscheidung zustande kommen, wie der Mensch sich warum, in welcher Situation, unter welchen Bedingungen, für was entscheidet,  was das Gewissen ist etc. Wenn man das herauskriegt – und da wird man in die Nähe kommen – dann hat man das Wertvollste, was den Menschen von anderen Dingen unterscheidet, in der Hand und kann damit arbeiten.“

Wie nahe Facebook schon an solchen Szenarien dran ist? Wir wissen es nicht. Facebook hat angekündigt, eine neue Technologie zu entwickeln, aber mehr hat das  Unternehmen bisher nicht rausgelassen. Die Details: Geschäftsgeheimnis. Wie immer. Denn die großen Tech-Konzerne haben in vielen Fällen aufgehört, Ergebnisse zu publizieren.

Wenn Facebook uns besser kennt als wir selbst

Was aber passiert, wenn Facebook dich irgendwann  besser kennt als du dich selbst? Und damit nicht nur Geld sondern auch Macht gewinnt? Auch das wäre auf eine Art ein Ende der Gedankenfreiheit. Nur viel subtiler. Viel geheimer. Viel überzeugender.

Aus der Zündfunk-Sendung vom 3.6.2018, 22:05 Uhr auf Bayern 2