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14.
Okt

Constanze Kurz: Deutschland ist in Hackerdingen immer noch „Kreisliga“

Die Welt 2017: Seit den Snowden-Leaks vor vier Jahren steckt zumindest Europa in einer IT-Vertrauenskrise. Die US-Wahl 2016 und die Spekulationen um mögliche russische Hacks tat ihr übriges. Befinden wir uns mitten im digitalen Krieg, mitten im „Cyberwar“?

Eine schwierige Frage, denn die Szene tut sich schwer mit der Definition des Begriffs „Cyberwars“. Denn der digitale Krieg – wenn man ihn so nennen will – spielt sich ja vor allem im zivilen Netz ab – und zielt auch auf zivile Ziele.

Die Cyberwar-Strategie der USA

Die Strategie der USA im digitalen Krieg hat Edward Snowden 2013 mit den NSA-Leaks offengelegt. Er hat aber auch bewiesen: Die Vereinigten Staaten spionieren vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Auf der „To Hack“-Liste stehen vor allem EU-Institutionen, Botschaften, G20, Diplomaten, die OPEC, die Weltbank, und interessanterweise Kommunikationsunternehmen wie die Belgacom. Interessant findet Kurz das deshalb, weil die Belgacom ähnlich der Telekom als kritische Infrastruktur zu werten ist: „Wir haben es also bei diesem Hack mit dem Angriff eines NATO-Landes gegen ein anderes zu tun“, so Kurz.

Versteckte Wirtschaftsinteressen

Umso interessanter, dass die Berichterstattung zum Thema „Cyberwar“ sich eher selten den dahinterstehenden Wirtschaftsinteressen widmet, dafür aber zu oft von martialischer Militärsprache und politischen Plänkeleien geprägt ist. Beispielsweise wird vom „Hand-to-Hand Combat“ gesprochen, wenn die NSA die Russen gehackt hat – und diese beim Hacken der NSA beobachtet…

In der Berichterstattung wird ebenfalls ausgeklammert, dass ein riesiger Schwarzmarkt an den Sicherheitslücken auf unseren Geräten verdient – und dass er von Steuergeldern bezahlt und erhalten wird, weil staatliche Geheimdienste Informationen zu diesen Sicherheitslücken aufkaufen. Oder dass „professionelles Hacking heute vorrangig von Steuergeldern bezahlt“ wird, wie Constanze Kurz es formuliert. Wenig weiß die Allgemeinheit auch von den spezialisierten Firmen, die ihre Hackingdienste an den Meistbietenden verhökern. Und, und, und.

„Da müssen wir ran!“

„Wir nehmen nicht wahr, dass da ein Problem ist, und zwar ein richtig strukturelles Problem“, sagt Kurz und fordert: „Da müssen wir ran“. Denn die Probleme seien nicht unlösbar.

„Ich will hier keine Doomsday-Stimmung verbreiten. Ich glaube, dass wir das fixen können. Wenn man sich dem Glauben hingibt, dass es nichts zu verändern gibt, dann haben wir eh schon verloren.“ Constanze Kurz

Genfer Konventionen für die digitale Welt?

Einen Plan hat Kurz auch schon parat: Wir könnten beispielsweise eine Art Genfer Konventionen für die digitale Welt beschließen. Immerhin gelten fürs Militär im klassischen Kampf klare Regeln: Zivilisten müssen soweit wie möglich geschützt werden. Diese Regeln müssten wir aufs Digitale übertragen – und zum Beispiel kritische zivile Infrastrukturen wie Stromerzeuger, Mobilfunknetze und Krankenversorger von militärischen Aktionen abkoppeln. Gerade Deutschland sei zwar „ein mächtiges Land, aber in Hackerdingen immer noch Kreisliga“. Deshalb müsse Deutschland ein gesteigertes Interesse an einer klaren Regelung zur digitalen Kriegsführung haben.

„Ein demokratischer Staat muss sich entscheiden, ob er strukturelle IT-Sicherheit will oder die Lücken ausnutzen will“, so Kurz. Wie viele Länder wagt auch Deutschland gerade noch einen schwierigen Spagat: Auf der einen Seite steht der Wunsch, Sicherheitslücken für eigene Zwecke auszunutzen. Auf der anderen wird man selbst natürlich äußerst ungern Opfer von Hacks und Exploits.

Bessere Verschlüsselung dank Snowden

Aber auch wir Nutzer können viel erreichen und Einfluss nehmen. Weil Deutschland als attraktiver Markt für Tech-Firmen gilt, hat sich hier nach den Snowden-Leaks einiges getan: WhatsApp, Yahoo, Gmail bieten bessere Verschlüsselung – weil sie müssen: „Für die Firmen ist das auch ein Imageproblem, wenn sich da jeder einhacken kann.“

Constanze Kurz selbst ist auch aktiv geworden: Gemeinsam mit britischen NGOs hat sie beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die umfassende Überwachung der britischen Regierung geklagt. Am 7. November ist die Anhörung, sie freut sich über Aufmerksamkeit in jeglicher Form: Schreiben, twittern, „sogar Facebook wär mir recht!“

Text: Jasmin Körber