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Eis, Influencer, Sophie Passmann
14.
Juli

„Ich bin Sophie Passmann und ich funktioniere in verschiedenen Medien – offensichtlich“

Sie kann Radio. Sie kann Internet. Sie kann Instagram. Und sie kann uns helfen, das Wort „Influencer“ zur Abwechslung mal mit Niveau und inhaltlicher Tiefe zu besetzen. Mit Sophie Passmann macht das Internet Spaß. Und auch ein bisschen schlau.

Eis, Sophie Passmann, Influencer

Sophie Passmann ist gerade mal 24 Jahre alt und der aktuelle Shooting Star am Netz-Himmel. Nein, sie ist keine von diesen Beauty-Schminktipp-Ich-hab-ein-süßes-Outfit-an-Bitte-Nachkaufen-Influencerinnen. Auf ihrer Internetseite präsentiert sie sich als dosenbiertrinkende Nasenringträgerin, die außerdem als „Ulknudel“ für Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale im Einsatz ist. Sammy Khamis hat Sophie Passmann auf einen Kaffee in der Kölner Mittagspause getroffen. Ein Gespräch über alte weiße Männer, „Influencer“ und Shampoo-Hersteller.

Sammy Khamis: Mich würde interessieren: Wer ist die Sophie Passmann im Radio, wer ist die Sophie Passmann hier beim Kaffee, wer die bei Twitter?

Sophie Passmann: Es gibt verschiedene Sophie Passmanns. In meinem eigentlichen Hauptjob bin ich Radiomoderatorin bei 1Live (WDR) und da bin ich eine Nine-to-five-Büro-Frau, weil ich morgens meine Sendung vorbereite und nachmittags moderiere. Dann habe ich noch so ein anderes zweites Dasein im Internet. Ich bin viel auf Twitter und Instagram unterwegs, und spreche – mit einer ganz zufriedenstellenden Reichweite, wurde mir letztens von einem meiner Chefs gesagt – eben über das, was mich so beschäftigt in der Gesellschaft, das ist eben vor allem: Politik und Ungerechtigkeit.

Wenn man deine Timeline auf Twitter bis ungefähr Mitte Juni durchscrollt, hast du keine große Debatte ausgelassen. Weltmeisterschaft. Özil. Seenotrettung. CSU. Asyldiskussion. Für dich im Rückblick: Genauso wolltest Du es immer besprechen?

Ich glaube, wenn man auf Twitter aktiv ist, bleibt das nicht aus, dass man bei jeder Debatte mit einspringt. Wir unterhalten uns dort über Dinge, die in der eigentlichen Gesellschaft ganz anders besprochen werden. Aber auch innerhalb so kleinen spezialisierten Echokammern finde ich es gut, wenn die Guten in der Mehrzahl sind. Und ich zähle mich zu den Guten – so wie sich jeder zu den Guten zählt. Auch auf Twitter gibt es eine Verrohung des Diskurses. Leute, die jede Art von Moral kritisieren. Die sagen: Können wir nicht mal offen diskutieren, ob wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen sollen? Mir ist es wichtig diesen Diskurs zu humanisieren. Man darf sich gerne über Sachen streiten, deswegen gehört für mich dazu: keine Debatte auszulassen und bei jeder erst mal mit zu keifen. Das ist selbstgewähltes Schicksal. Ich könnte auch sagen: Ich lösche meinen Twitter-Account und tausche mich da nicht aus mit Leuten, aber ich glaube das reicht nicht. Das ist nicht zufriedenstellend am Ende des Tages. „Ich habe doch drei Tweets zu Horst Seehofer geschrieben, jetzt dürfte das Innenministerium doch wieder auf Vordermann sein.“ – ganz so desillusioniert bin ich nicht. Mehr glaube ich, dass das höchstens eine Ergänzung, ein zusätzliches Instrument für manche Leute sein kann, um sich noch mehr zu politisieren.

Ich merke das bei mir, dass ich wahnsinnig viele über andere gesellschaftliche Gruppen lerne, die sich da äußern und ihre Erfahrungen mitteilen. Ganz aktuell bei dem #MeTwo, wo Leute über Alltagsrassismus berichtet haben. Das ist ein unglaubliches Privileg, oder ein Schatz, dass Leute sich die Arbeit machen, ihre Erfahrungen mitzuteilen. Ich sehe das als Grundstock. Alles was darüber hinausführt, das ist dann das, was mich zufriedenstellt.

Aktuelles Topic „Alte weiße Männer“: Heute Morgen habe ich gelesen, du hast anscheinend Ulf Poschardt, den Chefredakteur der „Welt“ – also Springer Verlag getroffen – um mit ihm über ihn als alten Weißen Mann zu sprechen. Wie war‘s?

Das hat der Poschardt nicht so richtig verstanden. Ich habe ihn im Rahmen einer Recherche getroffen. Ich schreibe gerade ein Buch über alte weiße Männer – und treffe dafür prominente Männer aus der Gesellschaft.

Mit welcher Frage?

Wir sind uns bei einem einig: Egal ob man Feministin, ein älterer Herr, konservativ, progressiv oder reaktionär ist: Alle wissen: Der alte weiße Mann als Begriff ist eine Beleidigung. Keiner möchte das gerne sein. Selbst die, die sich ironisch als alte weiße Männer bezeichnen, machen das eher, um zu zeigen „das ist mein Begriff“. Ich möchte herausfinden: Kann man vermeiden so einen Wandel verleugnenden, leicht reaktionären, aufmerksamkeitserhaschenden Kerl zu werden? Prominente Männer als Interviewpartner, weil viele in irgendeiner Weise Macht haben und ich wissen will: Wie schafft man es ein mächtiger Mann zu sein, ohne abzurutschen und in die Matthias Matussek-Falle zu fallen?

Du hast mal Steinmeier getroffen, das ist ein paar Jahre her, das war in deinem Volontariat. Ist der alte weiße Mann also ein Thema, das dich schon länger umgibt?

Also ich glaube: Nein. Ich habe Steinmeier damals nicht getroffen. Das war bei einer Wahlkampfveranstaltung und ich musste ihn da als Volontärin mit meinem Mikro fragen: Herr Steinmeier, wie isses so beim Wahlkampf? Da habe ich mich nicht politisiert gefühlt oder als Feministin aufgescheucht. Grundsätzlich muss man sagen: Jeder Mensch in der Gesellschaft ist umgeben von alten weißen Männern, weil die immer noch viel Macht haben. Das ist etwas kulturell Gewachsenes. Find ich nicht schlimm in dem Sinne, dass es eine Ungerechtigkeit ist, die man von heute auf morgen ändern kann, sondern das ist ein kultureller Wandel, den wir hoffentlich bald erleben. Ich bin also ständig umgeben von alten weißen Männern, so wie alle um uns herum.

Feminismus allgemein treibt mich aber schon seit vielen Jahren um. Ich habe auch da total viel gelernt. Mit 16, 17 war ich ein sozial liberales, vielleicht sogar konservatives Girl, das die Frauenquote ganz schlimm fand und auch der Meinung war: Ja mei, jetzt müssen wir uns mal zusammenreißen, mir passiert auch nie was, warum soll anderen Frauen was passieren? Ich habe damals nicht begriffen, dass, nur weil mir es gut geht, es anderen in ihrer Weiblichkeit nicht zwangsläufig auch gut gehen muss. Das hat sich total gewandelt. Und mit dem Wandel habe ich gemerkt: Es bringt nichts jeden Tag ins Internet zu gehen und denselben fünfzehn alten weißen Männern zu erzählen, dass man sie blöd findet, weil dann sagen die: Und ich finde Netzfeminismus blöd. Am Ende des Tages haben wir dann wieder nichts anderes getan, als uns gegenseitig zu bestätigen, dass wir eine eigene Peer-Group haben und jeder schreibt eigene Kolumnen für sich selbst. Deswegen dachte ich: Vielleicht gibt es eine Lösung, vielleicht haben wir den alten weißen Mann als Feindbild und müssen mit dem arbeiten. Der bestückt viele Eliten in Deutschland und wir werden ihn so schnell nicht los werden. Denn der alte weiße Mann ist ganz gut darin einem anderen alten weißen Mann einen Job zu geben. Ich dachte mir: Vielleicht schaffe ich es ja mir von Männern, auch ganz unironisch, erklären zu lassen, wie sie hoffen dieser AWM-Falle zu entkommen.

Und ob sie es wollen.

Es gab auch welche, die gesagt haben: Ne, komm ich gut mit klar. Andere waren ganz gefangen in ihrer Männlichkeit: Ich reflektiere das jeden Tag, weil ich große Angst davor habe irgendwann ein alter weißer Mann zu werden und ich will mir Tipps, Tricks und Erfahrungen holen von Männern. In dem speziellen Fall wissen Männer es auf jeden Fall besser, wie es denn ist ein Mann zu sein.

Ein Beitrag von Sophie Passmann im Neo Magazin Royale:

Alte weiße Männern bauen sich Netzwerke, geben Verantwortungen weiter und klüngeln unter sich, hast du auch gerade beschrieben. Zum Neo Magazin Royale bist du gekommen, weil dir Böhmermann eine Direktnachricht bei Twitter geschrieben hat und meinte: Yo, willst du nicht mal für uns schreiben?

Ne, er hat mir geschrieben, ob ich mal zu einer Probewoche vorbeikommen möchte.

Er hat dir erst mal ein Praktikum angeboten?

Er hat mich einfach mal eingeladen zu einer Probewoche. Dass ich diese Geschichte erzählt habe ist der größte Fehler überhaupt. Seitdem werde ich immer darauf angesprochen.

Das ist doch aber die Frage: Inwiefern Strukturen dich bevormunden oder dir Sachen erleichtern. Wie du das einordnest oder reflektierst. Du musstest da ja kein Bewerbungsschreiben hinschicken, die Sachen fliegen dir zu.

Die Sachen fliegen mir nicht zu. Auf jede Geschichte, wo ich wie durch Zauberhand in den Medien einen Job angeboten bekommen habe, habe ich fünf andere nicht bekommen, weil die ein männlicher Kollege von mir bekommen hat. Auch in den Medien, wo alles immer so kumpelig wirkt, ist es so, dass Social Media kein Zauberinstrument ist, um irgendeine gläserne Decke zu durchbrechen. Ich sehe, dass Social Media zumindest für einen kleinen Multiplikatoren-Teil, für die, die eben Reichweite haben und die in der Medienbranche arbeiten, bis zu einem gewissen Grad ein emanzipatorisches Moment haben kann. Weil man nämlich nicht um Erlaubnis fragen muss, ob man etwas sagen darf. Keinen Chef, keinen Mann, der vielleicht sagt: „Ne Mäuschen, halt mal die Füße still“. Man darf sich auf Social Media äußern ohne redigiert oder lektoriert zu werden und man kann Kontakte knüpfen. Es gibt eigentlich nur eine einzige Schwelle: Kann ich dieser Person eine Direct Message schreiben oder nicht? Das hat alles wahnsinnig flache Hierarchien und aber auch da funktioniert Social Media nach einem gewissen Leistungsprinzip, einem Prinzip nach Privilegien, so wie die gesamte Gesellschaft: Kann ich mir es von meinem Arbeits- und Lebensablauf einfach leisten jeden Tag x-Stunden auf Twitter zu verbringen? Was ist meine Sprecherposition? Bin ich jemand dem man tendenziell zuhört?

Wir haben uns über Jahrhunderte daran gewöhnt, dass man einem 35-Jährigen weißen Mann in einem Anzug eher zuhört, vertraut und auch mehr zutraut, als einer Muslima mit Kopftuch Anfang 20. Das sind so Dinge, in denen wir gefangen sind. Da kann auch Social Media nicht helfen. Da haben wir dieses Gap auch. Wenn ich also erzähle, wie toll und emanzipatorisch Social Media ist, dann funktioniert das immer nur als Symptom unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Und auch da gibt es dann ganz viele Gaps.

Sophie Passmann auf der re:publica 2018:

Alte weiße Männer, Influencer, die ganze Özil-Debatte. Hast Du ein Fable für die Outlaws und diese Pfauen des Internets?

Ich glaube das ist nicht ansatzweise ein altruistisches Auseinandersetzen. Ich setze mich damit nicht auseinander, weil ich sage: Da muss drüber gesprochen werden. Das fliegt mir eher zu. Die Influencer-Sache ist mir zugeflogen, weil als ich irgendwann eine gewisse Reichweite bei Instagram hatte und auch bei Twitter wurde mir automatisch der Begriff auferlegt. Dann haben Leute gesagt: Sophie ist ja Influencerin.

Du verkaufst aber nichts.

Richtig, ich verkaufe nichts, ich verdiene kein Geld mit meiner Reichweite und das ist eine einigermaßen hinreichende Definition von Influencer. Deswegen bin ich keine Influencerin, habe mich aber intensiver damit auseinandergesetzt, warum Leute das denken. Wenn du mit denen in einen Topf geworfen wirst, dann setzt du dich auch kritisch mit denen auseinander. Jeder der einigermaßen Integrität und moralischen Kompass hat und so etwas wie Anstand, kommt schnell drauf, dass das, was viele Influencerinnen und Influencer machen einfach unanständig ist. Die ziehen minderjährigen Mädchen für Schminkpaletten das Taschengeld aus dem Geldbeutel. Das ist nicht anständig und deswegen kritisiere ich die immer noch regelmäßig und scharf!

Und das mit dem alten weißen Mann ist ein Thema auf das ich als junge, laute Feministin von außen gestoßen wurde. Ich mache das nicht alleine, sondern bin Teil eines Diskurses. Da werde ich zur Riege der Netzfeministinnen gezählt und so wachsen die Punkte der Auseinandersetzung.

Ich finde deine Zielgruppe so spannend, weil du die zum Teil selber aufbaust. Du bist bei Twitter, aber eben auch bei Spiegel+, im Neo Magazin, bei 1Live, einer Popwelle. Wer ist deine Zielgruppe?

Ich glaube: Die Zielgruppenlogik, die funktioniert seit Social Media nicht mehr so. Um auf die Influencer zurückzukommen: Wenn heute Palina Rojinsky Werbung für Shampoo macht, auf Social Media, dann ist die Zielgruppe: Alle Leute, die Palina Rojinsky gut finden.

Aber nicht Leute, die Haare haben, was eigentlich eine geile Zielgruppe wäre für einen Shampoo-Hersteller?

Ja, aber die haben sich entschieden, dass sie mit dieser Person Werbung machen wollen, weil die Logik so ist: Die Leute, die ihr folgen finden sie gut, und dann ist erst mal egal wie alt die sind, woher die kommen, was die beruflich machen oder welchen Schulabschluss die haben. Diese ganzen sozioökonomischen Daten, die eigentlich in der Werbung total relevant sind, werden durch einzelne Personen und Social Media nicht mehr so relevant. Weil: Wenn die mir folgen, hören die mir zu, wenn ich Werbung für irgendwas mache. Deswegen glaube ich an dieses Zielgruppen-Ding nicht mehr. Ich finde es viel schöner, wenn man den Anspruch hat, sich so auszudrücken und sein Medium und seine Ansprache immer wieder neu zu überlegen und nicht überall die Instagram-Maus spielen zu müssen. Ich bin Sophie Passmann und ich funktioniere in verschiedenen Medien – offensichtlich.

Das heißt also nicht Zielgruppe, sondern Publikum.

Das ist etwas, was ich beim Radio gelernt habe. Es ist immer wichtig sich zu überlegen: Wen spreche ich da gerade wie an. Ich kann mich in meinem Charakter, in meiner Haltung und in meinem Blick auf die Welt nicht verändern. Das bin immer ich und da variiere ich auch nicht. Was ich variiere ist die Art und Weise, weil ich glaube zu verstehen, welche Plattform welche Ansprache braucht.

Sophie Passmann, Hauseingang

Du hast mal gesagt, dass Du gerne konservativ wärst. Wieso?

Konservative haben diese total angenehme Haltung, dass sie bereit sind die Welt zu ändern, aber grundsätzlich die Umstände erst mal als würdig betrachten und so lassen. Ein progressiv linker und sozialdemokratischer Mensch dagegen schaut auf die Welt und hat erst mal ein Grundgefühl der Unzufriedenheit. Man schaut sich die Umstände an und sagt: Argh, das geht so nicht. Ganz konkretes Beispiel: Wir haben den Mindestlohn jetzt, was ein total sozialdemokratisches, eher linkes Projekt ist. Aber die Konservativen haben gemerkt: Das ist ein Wandeln, den können wir nicht aufhalten, wenn wir nach Europa schauen, alle wollen den Mindestlohn, wir machen den Mindestlohn und jetzt haben wir den 8,50-Mindestlohn eingeführt. Die Konservativen habe die Hände zusammengeschlagen und sich gedacht: Ah, geil, haben wir doch die kommenden 30 Jahre jetzt Feierabend, weil Mindestlohn haben wir, ist doch alles gut so wie es ist. Die Linken, oder die Sozialdemokraten haben einen Tag nach dem der Mindestlohn kam, darüber gesprochen, dass er nicht hoch genug ist. Das stimmt! Ich als Linke sage auch: Das ist nicht hoch genug. Das muss mehr sein, als 8,50 € oder die 8,80 €, die es jetzt sind. Wir sind aber per Definition nie zufrieden, weil wir wissen: Es gibt noch so viele Ungerechtigkeiten. Und die Konservativen haben den Luxus, dass sie auf die Welt gucken und sagen: Ist doch ok so, wie es ist, lassen wir erst mal so. Das finde ich super.

Sophie Passmann ist Speakerin auf dem Zündfunk Netzkongress 2018

Aus der Zündfunk-Sendung vom 13.08.2018, 19:05 Uhr auf Bayern 2

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