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12.
Aug.

5 Szenarien, in denen die EU gerade das Internet kaputt gemacht hat

Das EU-Parlament bringt die umstrittene Copyright-Reform voran. Kritiker sehen darin einen Sieg der Verlage und Urheberrechtsverbände – und eine Niederlage für Memes, Journalismus und die Vielfalt im Internet. Hier ein düsterer Blick in die Zukunft des Netzes.

 

Im Juli hatte das EU-Parlament noch gegen die geplante Urheberrechtsreform gestimmt. Jetzt ist sie doch angenommen worden  – mit minimalen Änderungen und kaum Widerstand im Parlament. Eine finale Abstimmung wird im Frühling 2019 folgen. Dann werden vor allem die besonders umstrittenen Artikel 11 und 13 der neuen Reform ein letztes Mal diskutiert.

Artikel 11 führt die Link Tax ein. Selbst kurze Ausschnitte von Artikel und Websites, wie sie zum Beispiel auf Google oder Facebook angezeigt werden, unterliegen damit dem Urheberrecht und verlangen eine Lizenz. Dafür würde Geld von den Internet-Plattformen an die Verlage und Urheber fließen – oder aber auf die Inhalte wird einfach nicht mehr verlinkt.

Artikel 13 ist noch kontroverser: Der Upload-Filter. Damit wären bis auf wenige Ausnahmen alle offenen Plattformen dazu verpflichtet, hochgeladene Inhalte auf Copyright-Verletzungen zu überprüfen. Und das schon bevor sie auf der Seite landen.

Verleger und Urheberrechtsverbände beglückwünschen sich. Aber die Freude könnte kurzweilig sein. Kritiker halten die Reform für unausgereift und nicht an die Gegebenheiten des modernen Internets angepasst. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Reform kommt. Und sie könnte schrecklich schief gehen.

Szenario 1: Die automatisch zensierte Reportage

Ein Journalist, oder auch nur ein ganz normaler Bürger mit Smartphone, befindet sich auf einer Demo und möchte live davon berichten. Vielleicht will er Ausschreitungen filmen, vielleicht auch einfach nur mitlaufen. Das Problem: Aus den Lautsprechern zehn Meter weiter wird ein Song gespielt. Der Upload-Filter erkennt ihn und sperrt das Video – ohne zu fragen, ohne Möglichkeit auf Einspruch. Selbst wenn die Technologie perfekt funktioniert, sie versteht keinen Kontext. Rechtlich wäre das Video komplett unbedenklich. Artikel 13 lässt das Video aber gar nicht an den Punkt kommen, an dem es rechtlich beurteilt wird.

Szenario 2: Dein Video ist nicht mehr deins

Ein paar Schülerinnen machen zusammen ein Video gegen den Schönheitswahn. Der Clip geht viral, schafft es sogar ins Fernsehen zu RTL. Am Tag nach der Ausstrahlung ist das Video auf YouTube gesperrt – das System hat es für Eigentum von RTL gehalten. Das ist keine Horror-Fantasie, sondern im März genauso passiert. Auf YouTube gibt es schon automatische Systeme, die Urheberrechtsverletzungen erkennen sollen – und sie vertun sich ständig. Solche Fälle wird es in Zukunft wohl noch mehr geben.

Szenario 3: Fake News Rising

Du suchst online nach einem aktuellen Thema – aber statt seriöser Nachrichten erscheinen vor allem obskure Blogs und Verschwörungs-Websites in den Ergebnissen. Der Grund: Wer eine Fake News-Seite betreibt, will vor allem Reichweite. Anders als große Zeitungen wird er von Google, Twitter und Reddit also kein Geld verlangen, um auf die eigene Seite zu verlinken. Das macht Fake News für die großen Plattformen attraktiver, sie könnten schnell in Suchergebnissen priorisiert werden.  

Szenario 4: Keine Memes mehr

Du hast das heißeste neue Meme aus den USA entdeckt – den neuen Distracted Boyfriend oder Harlem Shake. Du willst deine eigene Version davon auf Instagram oder Twitter teilen – aber die App verbietet es dir. Das Bild ist urheberrechtlich geschützt, vielleicht stammt es aus einem Film oder wurde von einem kommerziellen Fotografen gemacht, und darf somit nicht verbreitet werden. Die moderne Meme-Kultur, wie wir sie kennen, steht also vor dem Aus. Vor allem, weil Verlage und EU-Parlamentarier ein sehr veraltetes Bild von Urheberrechtsvorstellungen haben.

Szenario 5: Vorteil für Goliath, Nachteil für David

Die Entwicklung findet schon jetzt statt: Kleine Anbieter tun sich immer schwerer, Alternativen zu den Giganten Google, Facebook und Microsoft anzubieten – so groß ist deren Marktmacht mittlerweile geworden. Die Reform wird das noch schlimmer machen: Vor allem für Firmen aus Europa. „Ganz viele Plattformen, die damit arbeiten, dass User Inhalte hochladen, würden nicht mehr funktionieren“, prognostizierte etwa nebenan.de-Gründer Christian Vollmann beim NDR. Denn auch wenn die größten Firmen der Welt sich über Upload-Filter und Link Tax nicht freuen, sie haben Unmengen Geld und Einfluss und werden damit klarkommen. Kleinere Seiten können sich das nicht leisten. 

Von Gregor Schmalzried,
Aus der Zündfunk-Sendung vom 12.9.2018, 19:05 Uhr auf Bayern 2